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PROTOKOLL

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Usenet · 12 min

Usenet-Renaissance im Mai 2026 — der Stand der Sache

eternal-september.org meldet zum Quartalswechsel etwa 18.000 aktive Leser, comp.os.* und alt.computer.* zeigen messbar steigende Posting-Frequenzen, slrn und INN 2.7.1 sind die Werkzeuge der Stunde. Ein Bestandsaufnahme-Beitrag aus dem aktuellen Heft 31, mit einem Vergleich zu Mastodon und Lemmy als föderierten Nachbarn.

Wir haben für das Issue 31 die Zahlen zum 1. Mai 2026 bei eternal-september.org angefragt und am 12. Mai eine knappe Antwort aus Hamburg bekommen — die Plattform meldet zum Quartals-Stichtag 17.943 aktive Reader (also Konten mit mindestens einer NNTP-Auth-Session in den letzten 30 Tagen), 6.124 davon mit mindestens einem geposteten Artikel im Quartal, durchschnittliche Posting-Frequenz auf der Plattform bei 4.220 Artikeln pro Tag, mit deutlichem Übergewicht in comp.os.linux.misc, comp.os.unix.bsd, comp.lang.python, comp.sys.raspberry-pi, und überraschend stark alt.computer.workshop sowie alt.folklore.computers. Das ist nicht das Usenet der 1990er — damals waren wir bei rund 4 Millionen Lesern weltweit, mit Posting-Volumen über 50 GB pro Tag im Spitzenmonat August 1999 — aber es ist ein Usenet, das wieder eindeutig wächst, mit einem Vorzeichenwechsel etwa im Frühjahr 2023, der seither stabil ist.

Wie das Usenet wieder zu sich gekommen ist

Die Gründe für die laufende Renaissance lassen sich nicht auf einen einzelnen Faktor zurückführen, aber es gibt vier sichtbare Treiber, die im aktuellen Heft 31 zusammen besprochen werden. Erstens, der Druck auf zentrale soziale Plattformen — die Konsolidierung der großen Anbieter, ihre algorithmischen Feeds, ihre auf Werbung optimierten Engagement-Maximierungs-Mechaniken — hat eine messbare Migration zu textbasierten, chronologisch sortierten, föderierten oder dezentralen Formaten ausgelöst. Mastodon hat 2023 von dieser Bewegung profitiert, Lemmy etwas später, und das Usenet als das älteste vorhandene Modell hat einen Anteil mitgenommen, der demografisch interessant ist — die Wieder-Einsteiger sind nicht primär Senioren, die das Usenet aus den 1990ern kennen, sondern Mittdreißiger, die es als historisches Lehrbeispiel kennen lernen und dann bleiben.

Zweitens, die Infrastruktur ist verfügbar geblieben. eternal-september.org läuft seit 2009 als kostenloser NNTP-Provider (gegründet von Ray Banana in Hamburg, ursprünglich als Reaktion auf das damalige Newsfeed-Sterben), bietet das big-8-Hierarchien-Set vollständig an, hat eine niedrige Eintritts-Schwelle (Registrierung per Web-Formular, manuelle Freischaltung in 24 Stunden), und finanziert sich aus Spenden plus zwei kommerziellen Spiegelungs-Verträgen. Drittens, die Werkzeug-Landschaft ist stabil. slrn in der aktuellen Version 1.0.4 vom Februar 2026 läuft auf jeder Linux-Distribution und auf macOS via Homebrew, gnus im Emacs 30 ist konsensfähig in der Emacs-Gemeinde, Pan als grafischer Klient hat 2024 mit Version 0.150 ein erstes Major-Release nach Jahren bekommen. Auf Server-Seite ist INN (InterNetNews) in der Version 2.7.1 vom November 2025 der de-facto-Standard für jeden, der ein eigenes Newsfeed-Setup betreibt; leafnode in Version 2.0.0 bleibt die Standard-Wahl für Single-User-Konfigurationen, die nur eine lokale Spiegelung benötigen.

Viertens — und das ist die kulturell interessanteste Beobachtung — die Gemeinde hat sich neu kuratiert. Die berüchtigten Spam-Wellen, die das Usenet zwischen 1998 und 2010 fast zur Aufgabe gezwungen hatten, sind durch eine Kombination aus PGP-Signatur-Pflicht in vielen Gruppen, aktiver Moderation in den moderated-Hierarchien und einer drastischen Reduktion der binary-Hierarchien zurückgegangen. alt.binaries.* wird auf eternal-september.org seit 2018 gar nicht mehr geführt — die Binär-Lasten waren wirtschaftlich nicht tragbar, und die kommerziellen Binary-Provider haben das Feld übernommen. Was übrig bleibt, ist ein textuelles Usenet, das näher an seinem Zustand von 1985 ist als an dem von 2005.

Geschichte — Tom Truscott, Jim Ellis, das große Renaming

Die Gründungsgeschichte des Usenet ist im Mai 2026 wieder Pflichtlektüre, weil sie ein ungewöhnlich gut dokumentiertes Beispiel für eine bottom-up entstandene Infrastruktur ist. Im Sommer 1980 sitzen Tom Truscott und Jim Ellis an der Duke University in Durham, North Carolina, vor einer PDP-11/70 unter Unix V7, mit einer fest installierten Telefonleitung zur University of North Carolina in Chapel Hill, 12 Kilometer entfernt. Die Leitung wird für nächtliche UUCP (Unix-to-Unix Copy)-Sessions verwendet — automatisches Datei-Kopieren zwischen den beiden Maschinen. Truscott und Ellis schreiben gemeinsam mit Steve Bellovin (damals UNC-Student, später Sicherheits-Forscher bei AT&T und Columbia) ein Shell-Skript-Bündel, das auf UUCP aufsetzt und das Verteilen von Nachrichten in Themen-Gruppen erlaubt. Die erste Version heißt A-News und wird auf der USENIX-Konferenz im Januar 1980 in Boulder, Colorado, vorgestellt — drei Maschinen sind im Pilot-Verbund verlinkt, Duke, UNC-CH und Duke-Department-of-Medicine.

B-News kommt 1981, geschrieben von Mark Horton und Matt Glickman, und ist die erste Version, die das Usenet auf hunderte Maschinen skalieren kann. 1986 ist NNTP (Network News Transfer Protocol, RFC 977, Brian Kantor und Phil Lapsley) der Übergang von UUCP-Batch-Transfer auf direkten TCP-Versand auf Port 119; das macht das Usenet TCP/IP-tauglich und erlaubt das Wachstum, das in den frühen 1990ern auf zehntausende Server geht. Die Hierarchien sind in den ersten Jahren wild gewachsen — net.*, fa.* (für „from ARPANET”), mod.* (moderated) — und das great renaming im Frühjahr 1987 setzt die big-7-Struktur (comp, news, rec, sci, soc, talk, misc), die mit dem Hinzukommen von humanities 1995 zur big-8 wird. Die alt.*-Hierarchie wird im April 1987 von John Gilmore und Brian Reid als bewusster Gegenpol außerhalb des big-7-Genehmigungsprozesses gegründet — alt-Gruppen sind formlos anlegbar und unterliegen keiner zentralen Aufsicht.

Konkrete Mai-2026-Highlights

Wir haben für das Issue 31 drei Threads herausgegriffen, die uns aus dem Posting-Aufkommen der ersten zwei Mai-Wochen besonders aufgefallen sind. In comp.os.linux.misc läuft seit dem 3. Mai der Thread „Kernel 6.14 versus 6.15 — boot-time regression on Lenovo M93p” mit inzwischen 87 Beiträgen; die Diskussion ist konkret, mit dmesg-Auszügen, bisect-Reports auf den Linus-Torvalds-Tree, und einer abschließenden Patch-Sequenz, die zur Mainline eingereicht wurde. In alt.computer.workshop ist seit dem 10. Mai der Thread „MicroVAX-3500 PSU recap — die richtigen Elkos in 2026” angelaufen, mit 41 Beiträgen, Foto-Anhängen über alt.binaries.pictures.computer.collectibles (eine der wenigen aktiven Binär-Gruppen auf eternal-september.org), und einer kollaborativ erstellten BOM-Liste für die Reparatur. In comp.lang.python wird seit dem 6. Mai der Vorschlag PEP 765 (Disallow return/break/continue that exit a finally block) diskutiert — die Python-Steering-Council-Mitglieder Pablo Galindo und Brett Cannon lesen den Thread mit, mehrere Beiträge sind direkt in die PEP-Discussion auf discuss.python.org querverlinkt.

Vergleich mit Mastodon und Lemmy

Was unterscheidet Usenet von den zeitgenössischen föderierten Systemen, mit denen es sich die Aufmerksamkeit teilt? Drei strukturelle Eigenschaften sind im aktuellen Vergleich relevant. Erstens, das Föderations-Modell: Mastodon föderiert via ActivityPub (W3C Recommendation 2018) und identifiziert Nutzer per Account auf einer spezifischen Instanz (@[email protected]). Usenet föderiert via NNTP und identifiziert Inhalt über global einheitliche Message-IDs (<[email protected]>) — die Nutzer sind sekundär, der Artikel ist das primäre Objekt. Lemmy ist ähnlich wie Mastodon strukturiert, mit Communities als zusätzliche Aggregat-Ebene. Auf Usenet ist die Aggregat-Ebene die Newsgroup, und sie ist global eindeutig — comp.os.linux.misc ist überall dieselbe Gruppe, unabhängig vom NNTP-Provider.

Zweitens, die Persistenz: Mastodon-Beiträge können vom Autor jederzeit gelöscht werden, und die Föderation propagiert die Löschung an verbundene Instanzen. Usenet-Artikel sind nach NNTP-Konvention nicht löschbar — der cancel-Mechanismus existiert formal, wird aber von vielen Providern aus Missbrauchs-Gründen ignoriert; einmal gepostet, ist ein Artikel auf den hunderten von Peer-Servern verteilt und faktisch dauerhaft. Das macht Usenet zu einer ungewöhnlich ehrlichen Schreib-Umgebung — was gepostet ist, bleibt. Drittens, die Such-Topologie: Mastodon hat keine globale Suche nach Design. Usenet hatte mit DejaNews (1995–2001), später Google Groups, einen historischen globalen Suchindex; 2026 ist die maßgebliche aktive Suche giganews.com, die einen offenen Web-Index des big-8-Bestands der letzten zehn Jahre vorhält.

Praxis-Hinweise für den Einstieg

Wer 2026 in das Usenet einsteigen möchte, kann das in drei Schritten erledigen. Konto-Registrierung bei eternal-september.org, Wartezeit auf die manuelle Freischaltung (typisch 12 bis 24 Stunden), Klient-Installation. Für slrn auf Debian: apt install slrn, danach in ~/.slrnrc die Zeile set hostname "news.eternal-september.org" und die Credentials in ~/.newsauth. Erste Subscription-Empfehlung aus der Mai-2026-Praxis-Sicht: news.announce.newusers (für die unverändert lesenswerten Einführungs-Postings), news.groups.questions, comp.misc. Wer einen eigenen Mini-Server möchte, läuft mit leafnode 2.0 auf einer Lenovo M93p Tiny in unter 30 Minuten — wir haben die Schritt-für-Schritt-Anleitung im Praxis-Ressort des Issue 28 vom Februar 2026 abgelegt.

Das Usenet 2026 ist nicht der historisierte Nachbau eines früheren Zustands. Es ist die laufende Fortsetzung einer 46-jährigen Föderations-Praxis, mit aktiver Gemeinde, lesbarem Posting-Volumen und einem strukturellen Vorzug — der globale Adressraum der Newsgroups — den keine zeitgenössische Alternative bisher repliziert hat.


Ressort: Usenet