29. Oktober 1969 — die erste ARPANET-Verbindung
Um 22:30 Uhr Pacific Time tippt Charley Kline in der Boelter Hall „LOGIN" — übertragen werden nur die Buchstaben L und O, dann stürzt das System ab. Die Rekonstruktion einer Minute, in der ein Bit pro Sekunde lief, und ein Blick auf das, was im Mai 2026 davon noch sichtbar ist.
Die Szene ist auf eine kleine handgeschriebene Notiz konzentriert, die heute in der Sammlung der UCLA aufbewahrt wird — ein violett-blauer IMP-Log-Eintrag mit der Zeile „talked to SRI host to host” und der Zeitangabe „22:30”. Datum: 29. Oktober 1969. Der Eintrag ist von Charley Kline, damals 21 Jahre alt, Doktorand an der UCLA, Mitarbeiter im Labor von Leonard Kleinrock, an diesem Abend allein im Raum 3420 der Boelter Hall, vor einem SDS Sigma 7 und einem soeben angeschlossenen IMP 1 der Bolt Beranek and Newman. Auf der Gegenseite, 560 Kilometer nördlich in Menlo Park, sitzt Bill Duvall am SRI-IMP-2 vor einem SDS 940, mit Telefon am Ohr. Was zwischen den beiden in der nächsten Minute passiert, wird später als die erste Host-zu-Host-Verbindung im ARPANET in die Geschichte eingehen, und es ist eine Geschichte, deren Pointe darin besteht, dass das System nach zwei übertragenen Buchstaben abstürzt — und genau deshalb funktioniert hat.
Die Hardware in Boelter 3420
Der IMP 1, ein Honeywell DDP-516 mit 12 kB Magnetkern-Speicher und 16-bit-Wortbreite, war am 30. August 1969 per Spedition aus Cambridge in Boelter Hall geliefert worden — ein 400 kg schwerer Stahlschrank mit militär-gehärteter Verkleidung, weil BBN die ARPA-Bestellung als ruggedized-Spec ausgeführt hatte. Die Honeywell DDP-516 läuft mit einer Taktrate von 945 kHz. Das Host-IMP-Interface arbeitet bit-seriell über eine 100-kbps-Leitung; die Backbone-Strecke nach SRI ist eine 50-kbps-AT&T-Standleitung. Maximale Paket-Größe 8159 Bits, Minimum-Paket-Header 32 Bits, MTU effektiv knapp 1 kB. Diese Werte sind aus dem BBN-Report 1822 entnommen, der die Host-IMP-Schnittstelle definiert und der bis 1989 in seinen verschiedenen Revisionen die ARPANET-Anschluss-Spezifikation bleibt.
Der Sigma 7 daneben ist eine 32-bit-Maschine von Scientific Data Systems, 64 kWords RAM, primär für Time-Sharing eingesetzt. Kline hat in den vergangenen Wochen an der NCP-Implementation für den Sigma 7 gearbeitet, parallel hat Duvall auf SRI-Seite den NCP für den SDS 940 geschrieben. Beide Codebases sind unabhängig voneinander entstanden, die einzige gemeinsame Referenz sind RFC 1 und RFC 9, plus zahllose Telefonate, die zu dieser Zeit von der UCLA und der SRI auf eigene Rechnung geführt werden.
22:30 Uhr Pacific Time
Die Sequenz ist mehrfach rekonstruiert, am detailliertesten in Klines eigener Erinnerung in einem Interview mit dem Computer History Museum aus dem Jahr 2009. Kline hat das Telefon am Ohr und Duvall am anderen Ende. Er soll auf dem Sigma 7 ein Remote-Login auf den SDS 940 versuchen — also dort einen Benutzer-Login-Prozess starten. Der erwartete String ist „LOGIN”, anschließend würde der SDS 940 ein Passwort-Prompt zurücksenden. Kline tippt „L” am Sigma-Terminal. Duvall meldet am Telefon: „Got the L.” Kline tippt „O”. Duvall: „Got the O.” Kline tippt „G”. Stille. Dann: „Es ist abgestürzt.”
Was abgestürzt ist, war der SDS-940-NCP-Code auf SRI-Seite. Duvalls Implementation hatte einen Buffer-Overflow in der Behandlung des Echo-Modus — beim Empfang des dritten Zeichens wurde ein Speicherbereich überschrieben, der das Telnet-vorbereitende Modul kontrolliert hat. Der eigentlich erfolgreich übertragene Inhalt war also „LO”, zwei Byte, zwei Zeichen, die in dieser einen Minute über die 50-kbps-Leitung von UCLA nach SRI gegangen waren. Kline notiert in das IMP-Log den Eintrag „talked to SRI host to host” mit der Uhrzeit, und das ist alles. Es gibt kein Foto, kein Audio, keine Pressekonferenz. Die ARPA in Washington erfährt davon am nächsten Morgen per interoffice memo.
Die Anekdote, dass das erste über ein paketgeschaltetes Netz übertragene Wort „LO” gewesen sei — wie in „Lo and behold” — ist eine spätere Stilisierung. Kline selbst sagt in dem 2009er-Interview, das sei ihm in der Nacht nicht eingefallen; er hatte sich nur gefreut, dass die Verbindung überhaupt zustande kam. Nach etwa einer Stunde Debugging auf SRI-Seite — Duvall fand das Buffer-Problem und legte einen Patch ein — gelang gegen 23:30 Uhr der vollständige LOGIN-Durchlauf. Der zweite Versuch ist in keinem Log eingetragen, weil die Operatoren ihn als Routine-Test verbuchten.
Die zweite, dritte, vierte Verbindung
Der IMP 3 in Santa Barbara (UCSB) wird am 1. November 1969 in Betrieb genommen. Glen Cullers Gruppe an der UCSB betreibt einen IBM 360/75 und konzentriert sich auf interaktive Mathematik-Workbench-Software. Die ARPANET-Anbindung der UCSB ist die erste, die nicht von Anfang an für Login-Sessions gedacht ist, sondern für File-Transfer von numerischen Daten. IMP 4 in der University of Utah folgt am 1. Dezember 1969, wieder mit einer 50-kbps-Leitung — die Utah-Maschine ist eine PDP-10, betreut von der Gruppe um Robert Taylor. Damit steht zum Jahresende 1969 ein vier-Knoten-Netz mit drei Backbone-Strecken (UCLA–SRI, UCLA–UCSB, SRI–Utah) und einer Plan-Erweiterung auf zwölf Knoten bis Mitte 1970.
Die Backbone-Topologie ist in den ersten Monaten extrem dünn. Ein Paket-Verlust zwischen UCLA und Utah benötigt einen Hop über entweder SRI oder UCSB; der TTL-Counter (in der frühen IMP-Software noch nicht standardisiert, kommt erst mit der NCP-Reform 1970) liegt typisch bei 15. Die durchschnittliche Round-Trip-Zeit zwischen UCLA und SRI beträgt um die 800 ms — gemessen mit den ersten primitiven Echo-Tests im November 1969, die Kleinrocks Doktoranden in den folgenden Wochen durchführen.
Die Erinnerung in der Boelter Hall
Wer im Mai 2026 die UCLA besucht und nach Boelter Hall, Raum 3420, fragt, findet einen kleinen Gedenkraum, eingerichtet 2011 von der UCLA und dem Kleinrock Center for Internet Studies. Der ursprüngliche IMP-1-Schrank ist nicht mehr da — er wurde 1973 außer Dienst gestellt und ist heute im Computer History Museum in Mountain View ausgestellt, als Teil der Dauerausstellung „Networking & The Web”, Vitrine 17, neben einer SDS-Sigma-Konsole und Faksimiles der ersten IMP-Logs. Im Boelter-3420-Raum steht eine Replik mit allen ursprünglichen Bedien-Elementen, dazu eine Gedenktafel, die den 29. Oktober 1969, 22:30 Uhr Pacific Time, festhält. Die Tafel zitiert Klines Log-Eintrag wortgetreu.
Das Internet History Archive in Mountain View hat den IMP-1-Karton — also nicht den Computer selbst, sondern den originalen Versand-Karton vom 30. August 1969, mit der BBN-Frachtaufschrift und der UCLA-Empfangsbestätigung — seit 2019 in der Sammlung. Wir haben für das Issue 31 im April 2026 die Kuratorin Marian Beaver angeschrieben, die uns bestätigt hat, dass der Karton derzeit im Magazin liegt und im Juli 2026 wieder ausgestellt wird.
Was die erste Minute heute lehrt
Die erste ARPANET-Verbindung hat ein paar Eigenschaften, die für die nächsten 57 Jahre Netzwerk-Praxis prägend bleiben. Erstens: Ausfälle sind die Regel, nicht die Ausnahme. Der Absturz nach zwei Zeichen wird in keinem Marketing-Material erwähnt, aber er steht im Log, und genau diese Ehrlichkeit der Dokumentation ist die ARPANET-Tradition. Zweitens: Die Implementation auf beiden Seiten der Verbindung war unabhängig geschrieben. Das ist die erste praktische Bestätigung dafür, dass Spezifikationen — RFC 1, RFC 9 — wirklich genug sind, um Interoperabilität herzustellen, wenn sie sauber genug formuliert sind. Drittens: Die Bandbreite war absurd niedrig (50 kbps Backbone, knapp ein Bit pro Sekunde effektiv für die LOGIN-Sequenz, weil das Protokoll-Overhead 95 Prozent ausmachte) — und es hat trotzdem funktioniert.
Für die Mai-2026-Praxis im Heimserver-Ressort haben wir aus dieser Geschichte einen kleinen Test extrahiert: Wer im Issue 31 den eigenen NNTP-Server zum ersten Mal mit einem zweiten Knoten peert (siehe das Praxis-Ressort, Beitrag „eternal-september-NNTP-Peering”), soll bewusst den ersten Verbindungsaufbau dokumentieren — mit Uhrzeit, beobachtetem Verhalten, Fehlern. Es muss nicht „LO” sein. Es muss nur ehrlich aufgeschrieben werden.